Zum Inhalt

Marginal-Spalte (weiterführende Informationen zum Thema)

Ansprechpartner

  • Jan Freese
    02 28 / 68 45 - 34 77

Hauptnavigation

Ein Webangebot der:

Europäischer Landwirtschaftsfonds
für die Entwicklung des
ländlichen Raums:
Hier investiert Europa in die
ländlichen Gebiete.

 

Inhalt

Gemeinsam erreichen Landwirtschaft und Naturschutz mehr

Etwa 40.000 Landwirte übernehmen anspruchsvolle Naturschutzaufgaben. Dass diese Arbeit zwar wertvoll ist, aber nicht angemessen bezahlt wird, war bei der Tagung "Erfahrungen und Perspektiven des bäuerlichen Naturschutzes" am 14. April 2016 in Berlin unumstritten. Akteure aus Wissenschaft, Politik, Verwaltung, Landwirtschaft und Naturschutz diskutierten auf Einladung von DVS und Deutsche Verband für Landschaftspflege (DVL) über den Weg zu einer besseren Finanzierung anspruchsvollen Naturschutzes.

Zur Dokumentation

Vier der 40.000 Landwirte stellten dabei stellvertretend ihre Betriebe und Naturschutzleistungen vor. Knut Kucznik, Schäfermeister aus Altlandsberg östlich von Berlin macht den Berufskollegen Mut: "Seit ich den Naturschutz als Einkommensquelle entdeckt habe, kann ich von der Schäferei wieder leben."
Es sei aber kein leichter Weg gewesen. Als der Biotoppfleger beim ersten Kontakt Veränderungen wünschte, verhängte der Schäfer zunächst ein Betretungsverbot. Erst als sie gemeinsam auf den Wiesen die seltenen hellen und dunklen Bläulinge beobachteten und Kucznik verstand, dass die Bläulinge auf den Wiesenknopf als Futterpflanze angewiesen sind, war er überzeugt. Er übernahm Verantwortung für seinen "Schatz", die Schmetterlinge, und stellte seine Weidetechnik und Betriebsabläufe um. Der Biotoppfleger sorgte dafür, dass er für seine Naturschutzarbeit Vertragsnaturschutzmittel bekommt.

Eine besonders innovative Verwertung für Naturschutzheu stellte Heinrich Meusel, Junglandwirt im Thüringer Wald, vor. Er Vermarktet das Heu seiner Bergwiesen an den Einzelhandel. Kleintiere lieben das Kräuterheu, zudem gilt Fleisch im Heumantel als besonders saftig und auch seine Kräuterbäder finden Käufer.

Kooperation zwischen Landwirtschaft und Naturschutz ist notwendig

Da der Naturschutz in Deutschland ohne diese Landwirte nicht funktionieren könne, müsse man ihnen eine Zukunftsperspektive geben, forderte der Vorsitzende des DVL, Josef Göppel MdB. Er erklärte: "Naturschutz muss sich für die Bauern auszahlen." Deshalb begrüßte er, dass der Förderkatalog der Gemeinschaftsaufgabe "Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes" (GAK) gerade unter anderem um Maßnahmen des Klima- und Naturschutzes erweitert wird.

Für eine bessere Zusammenarbeit der Akteure setzt sich das DVL-Vorstandsmitglied Ulrich Müller ein. Der Landwirt aus dem Schwarzwald informierte über das Leitbild "bäuerlicher Naturschutz", das der DVL bei der Tagung erstmals zur Diskussion stellte. Nur wenn man es schaffe, eine gute Grundlage für die tägliche Arbeit zu schaffen, seien junge Menschen bereit, die Landwirtschaft weiterzuführen und die Kulturlandschaften zu erhalten. Es müsse einen Ausgleich für die Landwirte geben, die Flächen in benachteiligten Gebieten bewirtschaften, denn sie könnten eben nicht so viel erwirtschaften wie Landwirte, die Flächen in landwirtschaftlichen Gunstlagen bearbeiteten.

Ein Drittel weniger Einkommen in einem Jahr

An der fehlenden Wertschätzung, aber auch der fehlenden wirtschaftlichen Perspektive liege es, dass der Strukturwandel in der Landwirtschaft größer denn je sei, erklärte Alois Gerig MdB, Vorsitzender des Bundestagsausschusses Ernährung und Landwirtschaft. Die Einkommen seien im vergangenen Jahr um 35 Prozent eingebrochen. Dabei produziere die bäuerliche Landwirtschaft beste Lebensmittel und erhalte gleichzeitig die Kulturlandschaft. Für Gerig besteht die Herausforderung darin, bei der nächsten Agrarreform 2020 auch Landwirten in von Natur und Struktur benachteiligten Regionen eine wirtschaftliche Perspektive zu geben. Eine Perspektive könne der bäuerliche Naturschutz sein.

Biodiversitätsindikator "Artenvielfalt und Landschaft" auf dem bisher tiefsten Wert

Dass der Naturschutz auf besagte 40.000 Betriebe angewiesen ist, betonte auch Dr. Elsa Nickel, Abteilungsleiterin im BMUB. Sie berichtete, dass das Grünland – das wichtige Umwelt- und Naturschutzleistungen liefert – in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch abgenommen hat, dramatisch sei der Verlust magerer, artenreicher Pflanzengesellschaften. Auch sie verortet die Ursache in einer fehlenden Honorierung. Dass sich umweltverträgliche Landwirtschaft nicht mehr lohne, könne nicht akzeptiert werden. Die Naturschutz-Offensive 2020 des BMUB wolle Wege aufzeigen, bezahlt werden sollen aus der gemeinsamen Agrarpolitik langfristig nur noch konkrete Leistungen für Natur-, Umwelt- und Klimaschutz: "Es kann nicht alles bleiben, wie es ist – aber der Naturschutz ist Ihr Partner, wenn es darum geht, Umweltleistungen der Betriebe zu bezahlen."

Beratung und gekoppelte Prämien

Bernt Farcke, Leiter der Unterabteilung Nachhaltigkeit und nachwachsende Rohstoffe im BMEL, wies darauf hin, dass man die modellhafte Umsetzung von betrieblichen Biodiversitätsmaßnahmen und der Entwicklung von Beratungsinstrumenten fördert. "Wir wissen auch, dass die Schafhalter seit der Entkoppelung – wenn sie flächenlos sind – nicht auf die Prämien zugreifen können", betonte er. Wenn eine Schafbeweidung oder Mutterkuhhaltung aus Naturschutzgründen erwünscht, aber wirtschaftlich nicht interessant sei, solle man darüber nachdenken, ob man nicht dafür gekoppelte Prämien einführen könne.

Verlässlichkeit in der Agrarpolitik ist notwendig

Eberhard Hartelt, Präsident des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Pfalz Süd und Umweltbeauftragter des Deutschen Bauernverbandes, hält den kooperativen Ansatz für den richtigen Weg. Ordnungsrechtliche Maßnahmen seien zu pauschal und gingen auf die individuelle Situation der Betriebe nicht angemessen ein. Auch für Hartelt muss sich Naturschutz finanziell lohnen. Er warnt jedoch vor radikalen Umstellungen. Die Forderung "Öffentliches Geld nur für öffentliche Leistungen" schrecke Landwirte eher ab. Eine gewisse Verlässlichkeit in der Agrarpolitik sei für die Betriebsleiter in ihren wirtschaftlichen Entscheidungen notwendig. Für die Hofnachfolge sei nicht nur die Bezahlung wichtig, sondern auch die gesellschaftliche Anerkennung. Wenn die Anerkennung fehle, werde auch das Berufsbild zunehmend uninteressant.

Markt und Staat sind bei der Finanzierung gefordert

Prof. Dr. Alois Heißenhuber (TU München) warb abschließend für die multifunktionale Landwirtschaft. Das bisherige System der Direktzahlungen habe sich nicht bewährt. Es werde von der Gesellschaft immer weniger akzeptiert, weil die europäischen Ziele Biodiversitäts-, Boden- und Wasserschutz nicht erreicht würden. Um den bäuerlichen Naturschutz zu stärken, brauche es eine Kombination von besserer staatlicher Honorierung und Labelling von Naturschutzprodukten, um auch über den Markt eine Honorierung zu bekommen.

Andrea Matt (DVL) und Jan Freese (DVS)

Hauptnavigation

Service-Navigation

###ETRACKER###