Zum Inhalt

Marginal-Spalte (weiterführende Informationen zum Thema)

Ansprechpartner

  • Bettina Rocha
    Telefon: 0228 / 6845 - 3882

Information zum Thema

Hauptnavigation

Ein Webangebot der:

Europäischer Landwirtschaftsfonds
für die Entwicklung des
ländlichen Raums:
Hier investiert Europa in die
ländlichen Gebiete.

 

Inhalt

Datenhoheit und Ausfallsicherheit

Workshop am 31. März und 1. April 2015 in Mainz

Die Veranstaltung wurde in Kooperation mit dem Dienstleistungszentrum ländlicher Raum Rheinhessen-Nahe-Hunsrück und dem Landesverband der Maschinen- und Betriebshilfsringe Rheinland-Pfalz / Saarland durchgeführt.

Dokumentation der Veranstaltung

Sind die Daten der Landwirte sicher?

Rund 50 Teilnehmer diskutierten kontrovers über Möglichkeiten und Herausforderungen der landwirtschaftlichen Datensicherung.

Die Versorgung der Bevölkerung in Deutschland mit Lebensmitteln erscheint uns in Zeiten einer modernen hochproduktiven Landwirtschaft eine Selbstverständlichkeit. Da Lebensmittel zwingend notwendig sind, hat die landwirtschaftliche Primärproduktion, also Ackerbau und Viehhaltung, eine essentielle Funktion in der "Kritischen Infrastruktur Ernährung" (KRITIS Ernährung). Kritische Infrastrukturen sind Institutionen und Einrichtungen mit wichtiger Bedeutung für das staatliche Gemeinwesen, bei deren Ausfall oder Beeinträchtigung nachhaltig wirkende Versorgungsengpässe eintreten würden. Laut Kathrin Stolzenburg (BBK) gab es in Deutschland seit Gründung der Bundesrepublik keine umfassenden Versorgungsstörungen bei Lebensmitteln. Ist das Thema Ausfallsicherheit in der Landwirtschaft also überhaupt von Interesse?

Komplexe Landwirtschaft ist anfälliger

Innerhalb weniger Jahrzehnte haben sich die landwirtschaftlichen Strukturen verändert, von vielen kleinen, oft autarken Wirtschaftseinheiten hin zu wenigen, größeren Betrieben. Wulf Raubold (BLE) wies darauf hin, dass nicht nur der intensivere Einsatz industrieller Vorleistungen wie Technik, Dünge- und Pflanzenschutzmittel die Landwirtschaft heute potentiell anfälliger für Störungen macht. Außerdem tragen die zunehmende Spezialisierung und Arbeitsteilung zwischen den Betrieben und Lieferanten auf der einen Seite und von Technik und Betriebsmitteln auf der anderen Seite zur Störanfälligkeit bei. Neben der Abhängigkeit von Energie, insbesondere von Kraftstoffen und Strom, gefährden die zunehmende Digitalisierung und Vernetzung per Internet die Sicherheit der landwirtschaftlichen Primärproduktion.

Die Bürger erwarten von allen Akteuren der Lebensmittelkette, dass diese Risiken begrenzt werden. Der Staat ist ebenfalls gefragt: Über das Ernährungssicherstellungsgesetz und das Ernährungsvorsorgegesetz ist er gesetzlich verpflichtet, im Krisenfall eine ausfallsichere Lebensmittelproduktion und -versorgung aufrecht zu erhalten. Im Bereich Kritischer Infrastrukturen wird von der Bundesregierung deshalb ein IT-Sicherheitsgesetz vorbereitet, das Fehlentwicklungen bei der Digitalisierung lebenswichtiger Branchen vermeiden soll.

Ist einen ausfallsichere Vernetzung erreichbar?

Benjamin Lambrecht (BSI) wies darauf hin, wie vielschichtig IT-Abhängigkeiten heute sind und dass sie von den betroffenen Branchen und Unternehmen oftmals nicht wahrgenommen werden. So seien beispielsweise eine Notstromversorgung für Mobilfunk und Festnetz eher selten und damit wichtige Prozesse der Produktionssteuerung, die etwa über SMS-Benachrichtigungen laufen, durchaus störanfällig. Störszenarien sollten ermittelt und Kernfunktionen von betriebsrelevanten Prozessen möglichst robust und ohne wechselseitige Abhängigkeiten angelegt werden.

Mathias Kretschmer vom Fraunhofer-Institut FOKUS hat ein Modell aufgezeigt, mit dem es zukünftig möglich sein wird, ausfalltolerante Breitbandkommunikationsnetze zu betreiben, die gerade im ländlichen Raum einzelne Gehöfte und Siedlungen erschließen. Das sogenannte SolarMesh-Kommunikationsnetz setzt im Umkreis von rund 17 Kilometern die Breitband-Leistung fort. Es wird mit kostengünstigen Bestandteilen aufgebaut und über Solarmodule betrieben, dadurch lässt sich bei Stromausfall im Notfall ein regionaler Inselbetrieb zwischen den angeschlossenen Teilnehmern aufrecht erhalten. So könnten Landwirte beispielsweise die Sprach- und Datenkommunikation mit ihrem Lohnunternehmer auch bei einem Blackout sichern.

Nach Ansicht von Roland Hörner (DLG) sind Mobilfunkverbindungen derzeit allerdings, besonders auf dem Land, weder überall und jederzeit verfügbar, noch vor Ausfall sicher. Von Ausfallsicherheit vernetzter Systeme könne nur dann die Rede sein, wenn Geräte und Maschinen auch offline weiterhin funktionieren, sicher und zuverlässig bedient, bewegt und eingesetzt werden können. Die Frage  "Zentralisierung versus Dezentralisierung von betrieblichen Daten?" ist nicht nur von Relevanz für die Ausfallsicherheit, sondern zentraler Baustein der betrieblichen Datenhoheit.

Wer behält die Daten?

Neben der Ausfallsicherheit aller digitalen Systeme, die vom Anbau bis zur Ladentheke eingesetzt werden, ist für die landwirtschaftlichen Unternehmer besonders relevant, ob sie die Hoheit über sämtliche Betriebsdaten behalten, um ihre Wertschöpfung zu sichern und im Wettbewerb zu bestehen.

Dass die landwirtschaftliche Primärproduktion durch den Zuwachs an zentralisierten, internetgesteuerten Prozessen, wie dem Cloud Computing, zunehmend verletzbarer wird, darüber war sich ein großer Teil der Workshop-Teilnehmer einig: Die Betriebsleiter könnten unter Umständen nicht mehr auf eigene produktionsrelevante Daten zugreifen, wenn das Internet ausfällt. Es erscheint zweifelhaft, dass Landwirte die Auslagerung unternehmenskritischer Daten in die Cloud in großem Stil nutzen, wenn sie neben der Datenhoheit auch die Kontrolle darüber verlieren, ob Daten, die durch Maschinen bei Düngungs-, Pflanzenschutz- oder Erntemaßnahmen gespeichert werden, von Dritten mitgelesen und eventuell genutzt werden können.

Gesetzliche Regelungen fehlen

Die Sicherung der Datenhoheit und des betrieblichen Know-hows liegt juristisch betrachtet im Ermessen des einzelnen Landwirts. Das stellte Rechtsanwalt Christian Halm klar. Datenschutzregelungen des Bundesdatenschutzgesetzes betreffen nur personenbezogene Daten, die Erfassung und Nutzung nicht personenbezogener Daten muss der Landwirt explizit untersagen oder ausschließen. Es besteht daher unter Umständen die Gefahr, dass Erntemengen, Dünger- oder Pflanzenschutzmittelverbrauch und ähnliches erfasst und womöglich in der Cloud durch Dritte zum Nachteil der Landwirte verwertet werden.

Da gesetzliche Regelungen fehlen, konfigurieren einige Landmaschinenhersteller ihre Maschinen bereits so, dass Auftrags- und Protokolldaten ausschließlich in einer Cloud gespeichert werden können. Besitzen Landwirte eigene Maschinen, haben sie noch die Option, solche ohne Cloudanbindung zu kaufen. So lässt Klaus Münchoff, Betriebsleiter aus Sachsen-Anhalt zwar Betriebsdaten von Externen errechnen, die Gesamtdaten einer Maßnahme verbleiben aber ausschließlich im Betrieb. Diese Möglichkeit haben Landwirte nicht mehr, wenn deren Lohnunternehmen ohne Rücksicht auf die Datenhoheit des einzelnen Kunden auf cloudgebundene Maschinenflotten umstellen.

Handlungsbedarf für die digitale Zukunft der Landwirtschaft

Vorteile des Cloud-Computings werden breit beworben. Dabei stand das Thema Ausfallsicherheit der landwirtschaftlichen Primärproduktion als wesentliche Komponente der Kritischen Infrastruktur "Ernährung" jedoch nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch in Fachkreisen lange im Hintergrund. Agrarexperten sollten Politiker und Verbraucher über neue und bisher vernachlässigte Risiken für die Versorgungslage mit Grundnahrungsmitteln aufklären. Es gilt, ausfallsichere Infrastrukturen für cloud- und internetabhängige Produktionsprozesse zu schaffen, die auch dann funktionieren, wenn Strom- und Datennetze ausfallen.

Hauptnavigation

Service-Navigation