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Zentrale Zukunftsaufgabe der Bundesregierung: Den demografischen Wandel aktiv gestalten
Demografiestrategie der Bundesregierung
Kaum ein anderes Phänomen wird die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland umfassender und nachhaltiger beeinflussen als der demografische Wandel. Ländliche Räume sind von den Folgen besonders betroffen. Wir sind der demografischen Entwicklung aber nicht hilflos ausgeliefert, es gilt, sie zu gestalten.
Von Bettina Auerbach. Das Jahr 2003 datiert den Beginn einer Entwicklung, die sich in den kommenden Jahren weiter fortsetzen wird: Die Gesamtbevölkerung in Deutschland sinkt und der Altersdurchschnitt der Menschen steigt. Nach Vorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes wird die Gesamtbevölkerung in den nächsten 50 Jahren um 15 bis 21 Prozent abnehmen. Es ist eine erfreuliche Entwicklung, dass die Lebenserwartung seit über 150 Jahren um knapp drei Monate pro Jahr ansteigt. Nicht zuletzt der gestiegene Wohlstand, die verbesserten Arbeitsbedingungen und der medizinische Fortschritt ermöglichen uns heute ein deutlich längeres Leben und ein Leben in immer besserer Gesundheit.
Deutschland besonders stark betroffen
Wir müssen uns bewusst machen, dass Deutschland im europäischen Vergleich den letzten Platz bei der Geburtenrate einnimmt. Auch wenn die Bevölkerungsentwicklung zusätzlich durch Zu- und Abwanderung beeinflusst wird, können die fehlenden Jahrgänge nicht mehr ausgeglichen werden. Daher ist die Gestaltung der demografischen Entwicklung für die Bundesregierung eine der zentralen Zukunftsaufgaben. Vor diesem Hintergrund hat die Bundesregierung einen interministeriellen Ausschuss „Demografie“ unter Federführung des Bundesministeriums des Innern eingerichtet, dessen zentrale Aufgabe in der Koordinierung von Programmen und Initiativen der verschiedenen Ressorts zur Gestaltung des demografischen Wandels liegt. Der „Bericht der Bundesregierung zur demografischen Lage und künftigen Entwicklung des Landes“ wurde am 26. Oktober 2011 im Kabinett verabschiedet. Er stellt die bisher eingetretene und zukünftig absehbare Entwicklung in Deutschland dar und zeigt die Folgen für die einzelnen Politikfelder auf.
Trend: Familie und Gesellschaft
Die Individualisierung der Gesellschaft führt zu neuen Formen des Zusammenlebens. Neben der „klassischen Familie“ gewinnen nichteheliche Lebensformen oder Alleinerziehende immer mehr an Bedeutung. Die Familie - klassische oder moderne – ist für die demografische Entwicklung von zentraler Bedeutung, deswegen ist es ein erklärtes Ziel der Bundesregierung, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern. Aus diesem Grund unterstützen eine Vielzahl von staatlichen Maßnahmen Familien in unterschiedlichen Lebenslagen und -phasen; der Ausbau der Kinderbetreuung ist ein Baustein. Als Reaktion auf den Anstieg der Lebenserwartung werden z.B. Möglichkeiten der Weiterbeschäftigung geschaffen oder Infrastrukturen gefördert, die das Potenzial des bürgerschaftlichen Engagements einbinden.
Trend: Wirtschaft, Arbeit, Bildung und Forschung
Für das Wirtschaftswachstum und die Wachstumsdynamik sind der Rückgang der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter und der damit verbundene Fachkräftemangel von großer Bedeutung. Die Regierung setzt darauf, das vorhandene Arbeitskräftepotenzial besser zu nutzen. Verstärkt mobili-siert werden sollen auch Frauen, älterer Arbeitnehmer und Menschen mit Behinderungen. Ausbau der Kinderbetreuung, Verbesserung der Karrierechancen für Frauen und Ausgestaltung von alters- und alternsgerechten Arbeitsbedingungen sind Schwerpunkte der Politik. Darüber hinaus führt auch ein erhöhtes Bildungsniveau zu bedeutenden Wachstumseffekten. Dementsprechend muss das Bildungswesen in Deutschland an die Geburtenentwicklung und den Alterungsprozess angepasst werden („Lebenslanges Lernen“). Die gezielte Förderung von Nachwuchswissenschaftlern und Intensivierung der Forschungs- und Innovationsaktivitäten sollen auch dabei helfen, Deutschland fit für die Zukunft zu machen.
Trend: Migration und Integration
Wegen des Fachkräftemangels wird die Bundesregierung durch die Ausgestaltung des Zuwanderungsrechts die Attraktivität Deutschlands für Hochqualifizierte steigern. Sie will deshalb bürokratische Hindernisse für qualifizierte Arbeitnehmer aus dem Ausland abbauen und die Rahmenbedingungen für die Niederlassungs- und Aufenthaltserlaubnis verbessern.
Trend: Gesundheit und Pflege
Immer mehr Menschen werden immer älter – eine Entwicklung die sich auf das Gesundheitssystem auswirkt. Erklärtes Ziel der Bundesregierung ist es, auch in Zukunft allen eine hochwertige, wohnortnahe medizinische Versorgung zur Verfügung zu stellen. Zur Erreichung dieses Ziels, muss das bestehende Gesundheitssystem angepasst werden. Vor allem für die ländlichen Räume spielt hierbei das vom Bundestag verabschiedete GKV-Versorgungsstrukturgesetz eine wichtige Rolle, mit welchem dem Ärztemangel und medizinische Versorgungsengpässen begegnet werden soll.
Trend: Infrastruktur und Mobilität
In den dünn besiedelten ländlichen Räumen führt die Abnahme der Bevölkerung zu einer zurückgehenden Auslastung der Infrastrukturen. Hier gilt es nun, angepasste bedarfsgerechte Lösungen zu entwickeln, die auf die regionalen Gegebenheiten ausgerichtet sind. Die Bundesregierung unterstützt mit ihren Förderprogramme und Modellvorhaben die Länder. Wichtig ist auch der weitere Auf- und Ausbau moderner Kommunikationsmittel und die Anpassung bestehender Verkehrssysteme an den Bedarf. Außerdem sollen innovative Mobilitätslösungen entwickelt werden.
Der demografische Wandel: Herausforderung und Chance zugleich
Der demografische Wandel ist Herausforderung und Chance zugleich. Durch geeignete Maßnahmen sollen die Lebensqualität, die Wirtschaftskraft und die Beschäftigungsperspektiven in den Regionen gestärkt werden. Veränderte Nachfragestrukturen erfordern eine bedarfsgerechte Weiterentwicklung und Anpassung der Angebote. Geschieht dies nicht, ist damit zu rechnen, dass bestimmte Leistungen langfristig nicht mehr aufrecht erhalten werden können. Vor diesem Hintergrund muss ein „Umdenken“ stattfinden: Sowohl in städtischen als auch in ländlichen Regionen ist statt eines „gesteuerten Wachstums“ ein „gestaltender Umbau“ die Antwort. Einen für alle gültigen Gestaltungsansatz gibt es dabei nicht. Besser sind örtlich angepasste Lösungen, welche die regionalen und wirtschaftlichen Spezifika berücksichtigen. Die Länder und Kommunen sind besonders gefordert. Kooperationen auf regionaler Ebene über Gemeinde- und Landkreisgrenzen hinweg werden zukünftig an Bedeutung gewinnen. Zur verbesserten Abstimmung der einzelnen Maßnahmen ist zum Beispiel zu prüfen, wie die verschiedenen Fördermaßnahmen noch gezielter eingesetzt und Synergieeffekte genutzt werden können.
Der Bund packt an!
Im Mittelpunkt der Demografiestrategie der Bundesregierung werden innovative Lösungsansätze für jeden Einzelnen in seiner jeweiligen Lebenssituation, aber auch für die Gesellschaft insgesamt stehen. Von besonderer Bedeutung ist dabei, dass wir uns der Chancen der demografischen Entwicklung bewusst werden: Ein längeres gesundes Leben bietet Chancen für jeden Einzelnen, seine Potenziale und Fähigkeiten zu entwickeln und seinen Beitrag zum gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben zu leisten. Die demografische Entwicklung ermöglicht eine umfassende und nachhaltige Modernisierung der Daseinsfürsorge und der infrastrukturellen Angebote. Die Bundesregierung wird diesen Prozess aktiv begleiten und versteht den Demografiebericht und die darauf aufbauende Strategie als Beitrag zur Entwicklung einer ebenenübergreifenden Demografiepolitik für Deutschland.
Bettina Auerbach ist Leiterin des Referats Demografie im Bundesministerium des Innern

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